Ohne Weg und Steg durchs Herrenmoor

Extratour mit dem gewissen Abenteuer-Extra


Es gibt wunderbare Extratouren, da steht man fast zwei Stunden auf einer Stelle neben dem Plattenweg und hat immer noch nicht alle Arten gesehen. Und es gibt auch die mit dem gewissen Extra an Abenteuer. So wie dieses Mal.

Von der Kliff-Kante oben sieht es eigentlich ganz harmlos aus: Wir stehen da, wo die Geest in Moor und Marsch abfällt, und lassen uns von den Expert*innen der Stiftung Naturschutz, Gerrit Werhahn und Merle Wegner, und dem Biologen Helge Luthe über das frühere urbar-Machen des Moors und die jetzigen Maßnahmen der Renaturierung erzählen: Moor muss wieder vernässt werden, wenn es seine enorm wichtige Funktion als Klimaschützer wieder bekommen soll. Denn: Entwässertes Moor setzt Kohlendioxid in hohem Maß frei, wieder vernässtes Moor speichert dagegen den Klimakiller. Vernässen heißt in erster Linie: Gräben abdichten und Drainagen zerstören.

Auf dem zum Moor abfallenden Geest-Rücken fängt die Besenheide an zu blühen. Sie wird sporadisch gemäht und abgeplaggt, um die Flächen vor dem Zuwachsen mit Sträuchern zu bewahren. Seltene Heuschrecken-Arten wie die Säbelschrecke und Roesels Beißschrecke erfreuen uns dabei mit einem kleinen Konzert und unsere Biolog*innen mit ihrer bloßen Existenz an sich.

Jetzt geht es in den – für die Fachleute noch viel zu trockenen – Moorbereich, und das Gehen wird abenteuerlich. Gerrit Werhahn empfiehlt, freundlich schmunzelnd, hübsch in einer Reihe zu gehen: „Dann bekommt nur der Erste die Spinnweben ab!“ Zwei Stunden ohne Weg und Steg arbeiten sich die 25 Teilnehmer*innen durch hüfthohe Vegetation und extrem unebenes Gelände im Herrenmoor voran.

Torfmoose, die Beförderer des Moorwachstums, haben Kuppen, so genannte Bulte, gebildet. „Das da ist das Aufrechte Frauenhaarmoos und das hier das Sumpf-Streifensternmoos“ erklärt Merle Wegner. Da die Bulte auch noch durch hüfthohes Pfeifengras verdeckt sind, verbergen sie heimtückisch die extremen Unebenheiten des Bodens. Dazu kommen die kaum sichtbaren vielen kleinen Gräben, die mit großen Schritten oder kleinen Sprüngen überquert werden wollen. Das Ausschlagen hilfreich dargebotener Hände endet auch mal mit einer Bauchlandung. Eine Teilnehmerin ist weich, aber feucht gefallen, steht lächelnd wieder auf, sieht sich gelassen ihre verdreckte Wanderhose an und hat einen sehr persönlichen Eindruck von Moor-Vernässung bekommen.

Der Übergang über einen größeren Graben muss von unseren Führern im hohen Aufwuchs erst noch wieder gefunden werden. Dann erreichen wir einen lichten Birkenwald, unter dessen Bäumen sich Rosmarinheide, Moosbeeren, Erika, zwischendurch auch mal ein Pilz, der Gelbe Täubling, und verschiedene Moose wohl fühlen. Dieser Bereich wurde nie in Bewirtschaftung genommen, obwohl hier noch typische Arten der Moore vorkommen, leidet auch dieser Bereich unter der Entwässerung in der Umgebung. Sonst, so erklären die Experten, wären die Birken und das hohe Pfeifengras, nicht so häufig.

Der holperige Weg zurück zum Ausgangspunkt ist im Vergleich zu den letzten zwei Stunden die reine Autobahn. Ein 12-jähriger Junge, der tapfer zwischen allen Erwachsenen die Tour mitgelaufen hat, entschwindet sofort ins Auto. Sein Vater erklärt grinsend: „Ihm tun die Füße weh!“
 

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Christian Dolnik findet auch am Wegrand rundblättrige Glockenbumen und Thymian
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Herrenmoor und Helge Luthe
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im Moorwald
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mit Gerrit Werhahn durch die Brennnesseln